Monatelang bin ich nun unweit von dieser Palastanlage an der Autobahn Wien-Budapest vorbei gefahren. Endlich hatte ich mal Zeit und das Wetter war sonnig und schön um endlich einen näheren Blick zu riskieren. Bei der Abfahrt Parndorf geht es runter und gleich danach auf einen Feldweg, der gut ausgeschildert den Weg in Richtung Palastvilla weist. Spektakulär ist das Bauwerk nicht, Steine und Schilder sowie Erdhaufen. Liest man sich jedoch mal ein bisschen mehr in die Geschichte dieses Ortes, so fasziniert einen dieser unscheinbare Platz auf Anhieb.

Anhand eines kurzen geschichtlichen Abrisses möchte ich euch nun einen Teil der großen römischen Vergangenheit und auch der Geschichte dieses Platzes etwas näher bringen.

Das römische Reich hatte seinen Machtbereich in den Jahrzehnten um Christi Geburt bis an die Donau ausgedehnt. Im Gebiet des Leithagebirges, am Neusiedler See, aber auch nördlich der Donau lebte damals der Stamm der keltischen Boier, wohl als relativ kleine Gemeinschaft. In der ersten Hälfte des 1. Jh. n. Chr. begannen auch germanische Stämme aus Böhmen sich nördlich der Donau anzusiedeln. Als bei diesen Germanen pro- und antirömische Gruppen entstanden und in Konflikt gerieten, bot das Imperium auf seinem Boden, also südlich der Donau, Schutz und Ansiedlungsmöglichkeiten. Es verlegte aber auch die 15. Legion als starke Grenztruppe von ca. 6.000 Mann nach Carnuntum. Damit war die Stelle an der Grenze gesichert, wo ein alter Handelsweg, die „Bernsteinstraße“, auf die Donaugrenze traf. Auf dem Reichsgebiet verlief die Bernsteinstraße weit nach Aquileia an der oberen Adria. Die Soldaten, die ja selbst kaum Landwirtschaft betrieben, mussten nun von den Boiern und den angesiedelten Germanen versorgt werden. Dafür boten gerade die hervorragenden Böden zwischen der Parndorfer Platte und der Leitha die besten Voraussetzungen. Schon in der zweiten Hälfte des 1. Jh. n. Chr. war diese Stelle der Platz, wo die Ernte für die Lieferung an das Militär gesammelt wurde.

In der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts hat hier ein führendes Mitglied des Boiserstammes residiert, dessen Grabstein in der Villa gefunden wurde. Ein Abguss dieses Grabsteins ist im Gebäude zu sehen (siehe Foto). Zu einem nicht genau feststellbaren Zeitpunkt, gegen Ende des 2. Jahrhunderts ging die Anlage aus privatem in kaiserlichen Besitz über. Der Großartige Ausbau um die Mitte des 4. Jahrhunderts kann mehrere Gründe haben. Denkbar ist die Zerstörung des Statthalterplatzes in Carnuntum durch ein Erdbeben, für den ein Ausweichquartier errichtet werden musste. Nach einer Vermutung des Althistorikers Andras Mocsy war die Familie des Kaisers Valentinan I. im Jahr 375 n. Chr. während einer Militärischen Kampagne hier untergebracht. Auch diese Anwesenheit der kaiserlichen Familie könnte der Grund für die ganz außerordentliche Ausstattung gewesen sein. Nach diesem Ausbau sind noch einige kleinere Umbauten festzustellen, die wohl in das fünfte Jahrhundert gehören. Zumindest Teile der Villa sind durch Brand zugrunde gegangen und damit endet die Bautätigkeit an dieser Stelle.

Die Ausgrabungen hier, auf den „Heidwiesen„ begannen erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts. 50 Körpergräber und Grabsteine wurden 1899 dort freigelegt und kamen ins Museum in Mosonmagyarovar. In den Jahren 1949-1955 wurden im Auftrag des Österreichischen Archäologischen Instituts Hauptgebäude, Wirtschaftsbauten sowie die Umfassungsmauern der Villa ergraben und Mosaike freigelegt. Ein Teil wurde gehoben und ins Museum gestellt, der Rest wieder zugeschüttet. Es dauert weiterhin bis 1975 als man begann die restlichen Teile wie z.B. Mosaike auszugraben. Der größte Teil der damals gefundenen Mosaike mit Ausnahme des größten Raumes ist heute im Burgenländischen Landesmuseum zu bewundern. Heute sind die Ausgrabungen wohl abgeschlossen und die Grundmauern der Palastanlage sind frei. Etliche Hinweisschilder um und in der Analge erzählen nun die Geschichte dieses 2000 Jahre alten Bauwerks sowie der stattgefundenen archäologischen Erkenntnisse.

Und hiermit beende ich meinen kleinen Ausflug in die Europäische Geschichte.

Übrigens, die Bezeichnung „Römische Palastvilla“ bedeutet nicht wie im heutigen Sprachgebrauch ein luxuriöses Wohnhaus, sondern einen kleinen oder größeren Gutshof, der neben dem Wohngebäude alle notwendigen Einrichtungen besaß, die ein nahezu autarkes Wirtschaften ermöglicht haben.

Anschrift/Anfahrt:
Römische Palastvilla
Budapester Bundesstraße
(A) 2462 Bruck an der Leitha

Römische Palastvilla
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